Liebe und Leidenschaft 
in Zeiten von Pest und Cholera 

König Philipp der Einäugige hört von der überaus attraktiven Markgräfin Mathilde. Sie verwaltet ihre Burg allein, weil ihr Mann auf einem Kreuzzug weilt. Da beschließt Philipp, die schöne Gräfin auf seinem Zug nach Genua nebenbei zu vernaschen und quartiert sich für eine Nacht bei Mathilde ein. Alle wissen, worum es geht, aber die Gräfin will das eigentlich nicht. Wie soll sie sich des mächtigen Mannes erwehren? Was passiert, wenn sie einen Skandal heraufbeschwört?

Die Geschichte könnte auch aus dem Hollywood unserer Tage oder der Chefetage nebenan stammen, tatsächlich ist von dem italienischen Dichter Boccaccio vor mehr als 600 Jahren erzählt worden. Offenbar haben sich manche Dinge zwischen Männern und Frauen im Laufe der Jahrhunderte gar nicht so sehr geändert. Das macht die Geschichten aus dem „Decamerone“ so interessant, dass man Menschen kennenlernt, deren Probleme und wie sie mit ihnen umgehen uns gar nicht so fremd sind.

Boccaccio erzählt seine Geschichten vor dem Hintergrund der Pest, die im Mittelalter immer wieder ganze Städte und Landstriche entvölkert hat. Es gibt nur wenige halbwegs authentische Berichte über das konkrete Wüten der Pest, aber eine relativ realistische Schilderung liefert uns  Boccaccio, der während der großen Pestepidemie in Florenz (um 1348) im benachbarten Pisa gelebt hat.

In seinem „Decamerone“ erzählt er – zweifellos nach einer wahren Begebenheit – wie zehn junge Leute aus Florenz auf ein Landgut in der Nähe, nach Fiesole, fliehen, um der Pest zu entkommen. Dort gestalten sie ihre Tage, indem sie Geschichten erzählen: Jeder Gast erzählt jeden Tag eine Geschichte. Eine davon ist die oben erwähnte Geschichte von der Markgräfin und König Philipp. Die zehn Pestflüchtlinge halten das zehn Tage lang durch und so kommen 100 kleine Novellen zustande, in denen Boccaccio so etwas wie ein Panorama der damals bekannten Welt entwirft. Unzählige Dichter und Komponisten, von Shakespeare und Scarlatti bis hin zu Lessing und Vivaldi, haben sich seither dieser Geschichten bedient und daraus ihre eigenen Kunstwerke  gestaltet.

Jahrhunderte lang haftete Boccaccios Geschichten aber auch etwas Anrüchiges an. Die derbe Sinnlichkeit, der Lobgesang auf Liebe und Leidenschaft in allen Variationen, die unverhohlene Kritik an den Keuschheitsgeboten der Kirche mussten  eine gut bürgerliche Gesellschaft vor den Kopf stoßen. Je mehr das Werk offiziell verpönt war, umso eifriger wurde es allerdings unter dem Ladentisch gehandelt. 

Das können wir heute gelassener sehen und uns mit dem beschäftigen, was Boccaccio seinen Zeitgenossen mit auf den Weg geben wollte. Und dabei entdecken wir, dass sich die Verhältnisse in manchen Bereichen gar nicht so sehr gewandelt haben und heute so aktuell sind wie eh und je – z.B. die Forderung von Frauen nach sexueller Erfüllung oder die Kritik an der Ablehnung aller Sinnlichkeit durch den Klerus. Boccaccio hält mit einem stetigen Lobgesang auf alle Formen der Liebe dagegen.

Dieser Lobgesang auf die Liebe hat uns gereizt, die Geschichten Boccaccios in Coronazeiten aufzugreifen und in einen einfachen Theaterabend zu übertragen. Nein, das kann kein Theater sein, wie wir es kennen, sondern eher ein Leseabend, in dem wir Höhepunkte der jeweiligen Erzählungen in kleine Spielszenen übersetzen. Zehn Geschichten – einen Abend – der Florenzflüchtlinge haben wir aufgegriffen und wollen sie, so gut es geht, lebendig werden lassen. Wir hoffen, dass es ein unterhaltsamer Abend wird. 

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© theater-heute50 – Herbert Stoepper. Alle Rechte vorbehalten. Stand August 2020